Gedanken aus der Luft


Im Flieger nach San Francisco, 11. September 2013

Die Emotionen die in mir vorgehen, jetzt, als sich das Flugzeug langsam und zum vorerst letzten Mal San Francisco nähert, kann ich kaum beschreiben. Ich habe die Stadt in den letzten vier Wochen bereits so sehr vermisst, dass es mir vor der Zukunft graut. Neben mir sitzt ein ätzendes älteres Ehepaar, die über einen Apple Laptop die Live-Übertragung des Baseballspiels verfolgen. Live-Übertragung aus dem AT&T Stadion. Live-Übertragung aus San Francisco. Es spielen die Giants. Und so dämlich ich diese beiden Sitznachbarn auch finde, so sehr merke ich, wie selbst kleine Dinge, wie dieser winzige Bildschirm auf dem die kleinen weiß-orangen Sportler über den Rasen rennen, mich so sehr an die Stadt erinnern und mir beweisen, wie sehr ich mich in nur einem Jahr an sie gebunden habe. Wie sehr sie mir vertraut ist. Und wie sehr ich sie vermissen werde. Die Menschen, die Straßen, die Häuser, die Läden, die Busse, die Himmel. Die Sprache, die Währung. Ich habe Angst davor. Genauso wie ich Angst vor der Ungewissheit habe, die mit meiner Zukunft in Deutschland unaufhaltsam auf mich zu gerollt kommt.

Das alles lässt mich beinahe vergessen, wie sehr ich mich auf der anderen Seite auch darauf freue, alle wiederzusehen. Familie, Freunde, selbst Bekannte oder alte Schulgefährte. Auf der anderen Seite mag ich hier überhaupt nicht weg. Ich weigere mich fast zu sehen, wie es in Deutschland ist. Dann wieder bin ich aufgeregt und gespannt darauf. Wie unreal das Ganze ist, brauche und kann ich nicht beschreiben. Ich denke erstaunlicher Weise an die Kinder und mein Gehirn pickt lediglich alle guten Momente mit ihnen heraus. Ich denke daran, wie es ihnen geht. Wie sich wohl das neue Aupair macht. Hoffe insgeheim, dass sie sich schlecht macht. Mag nicht daran denken, wie sie mit meinen Kindern jeden Freitag Mittag beim Frozen Yogurt sitzt. Ich denke an meine Ankunft in Deutschland. Wie diese wohl ablaufen wird. Bin aufgeregt. Ich habe keine Lust auf den langen Flug. Bin neidisch auf jeden Menschen im Flugzeug, der gerade auf dem Weg nach San Francisco ist, weil er dort wohnt. Ich spiele mit dem Gedanken noch einmal zum Haus zu fahren. Werde es wahrscheinlich lassen. Freue mich auf meinen letzten Burrito, den ich gleich essen werde und die nebelige Luft, die ich so tief in meine Lungen ziehen werde bis es wehtut. Übermorgen bin ich schon wieder in Deutschland. Begreifen tue ich das nicht. Will es auch gar nicht.
Am einfachsten wäre es, nicht über diesen ganzen Kram nachzudenken. Nicht darüber in dieses Buch zu schreiben und dabei mit den Tränen der Überforderung zu kämpfen. Es einfach auf sich zukommen zu lassen. Auf einen zukommen tut das Leben ja quasi von ganz allein. Egal wie viel Plan man hat, wie viel Angst oder Sehnsucht. Es ist im Prinzip scheiß egal. Und obwohl ich es denken und hier aufschreiben kann, scheint ein Teil von mir doch einfach ich zu sein und das Denken nicht abstellen zu können. So oder so werde ich da wohl durch müssen und werde es so oder so schaffen. Übermorgen in Deutschland sein und mich in einer Woche darüber wundern, dass es schon wieder eine Woche her ist.
Vielleicht werde ich mir auch ein Ticket zurück gebucht haben.
Man weiß es nie.

NEW YORK

imageWir müssen eigentlich nicht allzu lang überlegen, bevor wir uns für den letzten Stop unserer Reise und die dort zu verbringenden 4 Nächte ein Hotelzimmer buchen. Nach ewigen Nächten in fremden Wohnungen, Zelten und verdreckten Motelabsteigen ist ebenfalls ziemlich schnell klar, dass wir uns für die letzten Nächte noch einmal wirklich etwas gönnen werden und bezahlen für den Aufenthalt in einem familienbetriebenen kleinen Hotel Mitten in Manhattan, nur einige Fußminuten vom Central Park entfernt, ungefähr so viel, wie wir bis hier her bereits für die gesamte Reise ausgegeben haben. Als wir dann mitten in der Nacht mit Sack und Pack völlig erledigt in der richtigen Straße ankommen, schlurfen wir erst einmal an dem Häuschen vorbei, da es nur äußerst unauffällig mit dessen Namen gekennzeichnet ist und es sich perfekt und ohne weitere besondere Merkmale in die lückenlose Reihe aus roten Backsteinhäusern schmiegt. Dann müssen wir auch noch 50$ zahlen, da wir nach 0 Uhr einchecken und unsere Koffer allein über eine Holztreppe ganze vier Stockwerke bis in unser Zimmer hieven (an dieser Stelle muss ehrlichkeitshalber festgehalten werden, dass ich keinen - dafür aber mein Partner beide Koffer trug). Dieses ist dann aber wirklich schön, sehr sehr sauber und mit einer kleinen Kochnische versehen, auch noch gemütlich. Sofort werden Tischdecke und Kerze ausgepackt und die beiden Einzelbetten so leise wie möglich zusammengeschoben. Dann fallen wir hundemüde in unser spartanisches Doppelbett.

Und dann folgen drei ganze Tage New York City. Drei ganze Tage Hochhäuser, gelbe Taxen und Menschenmassen. Times Square, Central Park, die Upper Eastside und Brooklyn. Drei Tage lang so viel gehen, bis uns beinahe die Füße abfallen. Drei ganze Tage lang staunen und genießen und laufen und staunen und laufen und genießen. Drei ganze Tage in New York City. Eine so geile Stadt, deren Magie sich mit Worten eigentlich nicht beschreiben lässt:

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Brooklyn Bridge, Manhattan Bridge und Williamsburg Bridgeimage

imageAussicht aus dem Central Parkimage

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imageManhattan’s Financial DistrictimageTimes Square bei NachtimageIrgendwo im Central Parkimage

imageQueensboro BridgeimageMöglicher zukünftiger Wohnortimage

imageSomewhere in Brooklynimage

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Und schneller als wir gucken können sind die wunderbaren Tage dann auch schon wieder vorbei. Selbst als wir mit meinem Gepäck zur Bushaltestelle rollen, deren Bus mich pünktlich zum Flughafen bringen soll, realisiere ich das Ende noch lang nicht. Mein Flug zurück nach San Francisco, um dort meine Koffer zu holen, geht am Mittag. Der meines Partners zurück nach Deutschland erst später am selben Tag, wir trennen uns also kurz und schmerzlos, als er mir noch schnell meinen schweren Riesen in den Bus hebt. Als dieser losfährt muss ich ziemlich mit den Tränen kämpfen. Überforderung, plötzlich wieder allein zu sein. Nach vier Wochen, in denen ich mich gerade daran gewöhnt hatte, nach einem Jahr wieder mit jemandem zu sein. Entscheidungen absprechen zu müssen und auch sonst Rücksicht zu nehmen. Auf noch jemanden zu achten als mich selbst, fiel mir zu Anfang erstaunlich schwer. Doch als der Bus aus dem schönen Harlem Richtung Flughafen davon rollt fühle ich mich für kurze Zeit ziemlich hilflos und einsam.
Ohne weitere Probleme schaffe ich es in das Flugzeug, welches mich nach einem sechsstündigen Flug, mit Zwischenstopp in Milwaukee, Wisconsin, heile in San Francisco abliefert. Schon im Anflug auf meine Stadt kommen mir erneut die Tränen. Tränen der Trauer, weil es für eine wahrscheinlich längere Zeit das letzt Mal sein wird, in dem ich in San Francisco lande. Gleichzeitig Überforderung damit, das es morgen tatsächlich zurück nach Deutschland geht. Das mein Jahr hier drüben tatsächlich vorüber ist. Aber auch Freude, da ich die Stadt allein in den vergangenen vier Wochen schon so wahnsinnig vermisst habe. Durch meine Tränen drängt sich ein leises Kichern, als wir uns der Stadt nähern und eine dicke weiße Nebelwand die Sicht auf diese komplett versperrt. Hinter mir ärgern sich lautstark zwei ältere Touristen über diese Aussicht, während ich mir grinsend die Tränen aus dem Gesicht wische um auch ja noch einmal den scheiß Nebel sehen zu können, über den ich mich, zum ersten Mal seit einem Jahr, wahnsinnig freue.

NEW JERSEY

imageSchlafend. Im Bus.image

PENNSYLVANIA

imageUm 1 Uhr nachts erreichen wir Philadelphia. Der Couchsurfer, bei dem wir heute Nacht schlafen werden ist nicht nur so wahnsinnig lieb, dass er uns auch noch um diese Uhrzeit in sein Haus lässt, er bietet sogar an uns mit dem Auto abzuholen da er vermutet, so schreibt er uns zuvor in einer Mail, dass das Vorankommen mit den öffentlichen Verkehrsmittel um diese Uhrzeit ganz schön nervig sein kann.
Und so treffen wir irgendwann nachts bei dieser uns vollkommen unbekannten Person, mit seinem schäbigen Studentenauto, in seiner kleinen aber sehr hübschen Wohnung ein, in der sich außer seiner schlafenden Freundin außerdem noch zwei kleine Babykatzen und so viele hässliche Möbel befinden, dass es die Schönheit der Wohnung mit ihren riesigen Fenstern zur Straße raus beinahe komplett aufsaugt. Wir machen es uns totmüde auf dem ausklappbaren Sofa direkt unter der breiten Fensterfront gemütlich und bekommen nicht nur Decken und eine kurze touristische Empfehlung unseres Couchsurf-Hosts, sondern auch den Schlüssel zu seiner Wohnung. Die beiden würden nämlich am frühen Morgen an den Strand fahren und wir könnten, da unser Megabus Richtung New York schon am morgigen Abend startet, unsere Koffer einfach den Tag über bei ihnen unterstellen und die Schlüssel dann unter der Tür durchschieben. So viel selbstverständliche Nettigkeit für die es uns sehr schwer fällt, eine annähernd gleiche Entschädigung auszusuchen. Wir haben dann aber doch eine relativ simple Idee nachdem wir die Nacht gackernd auf dem Sofa verbringen. Wurst, die eine der beiden winzigen Katzen, die von uns ohne große Überlegungen oder Zweifel Hans und Wurst getauft werden und ihre Krallen mit Vorliebe in unsere Koffer, Klamotten oder dann gleich direkt in unsere Haut bohren, hat sich nämlich dazu entscheiden, den von einer Decke umhüllten Fuß meines Reisepartners zu töten. Und so sitzt sie aufgeweckt und in Angriffshaltung in der einen Ecke unseres Bettes und springt mit ausgefahrenen Krallen in regelmäßigen Abständen auf den vor Schreck und Schmerz aufschreienden deutschen Neuling. Ich lache mich tot, während mein Partner immer erboster mit ernsthaften Gesprächsversuchen das völlig überdrehte Katzenbaby zur Vernunft zu bringen und Hans, der äußerst hässlichere, sich in meiner Kniebeuge zu einem struppigen Wollkneul zusammengerollt hat und dort seelig vor sich hin ratzt.
Am nächsten Morgen sind die beiden Bewohner des Hauses bereits ausgeflogen und Hans und Wurst schlafen friedlich zwischen uns auf dem Sofa.imageWir machen uns fertig, räumen auf, packen unsere Koffer und  machen uns dann auf den Weg nach Downtown Philadelphia. Mir ist durchaus bewusst, wie langweilig es sein muss, bei jeder neuen, von uns besichtigten Stadt den Satz lesen zu müssen ‘Es gefällt mir hier wirklich sehr.’ Ich als kritischer Leser würde wahrscheinlich selbst die Krise kriegen, muss zu meiner Verteidigung aber kurz zwei Dinge loswerden: Zum einen bin ich eine Person, die sich sehr leicht und mit einfachsten Mitteln von etwas begeistern lassen kann und zum anderen schreibe ich diesen Satz nicht aus Schreibfaulheit oder schlichter Routine. Ich schreibe ihn, da mir Philadelphia ganz einfach klipp und klar sehr gut gefällt. Die Stadt, die oft als Vorstadt von New York gilt, ist viel größer, als es sich meine Vorstellung skizziert hatte. Zwischen gigantischen Hochhäusern und mehrspurigen Straßen, Parks und wunderschönen riesigen Gebäuden, strömen die verschiedensten Menschen zu einer Großstadt-Masse zusammen. Die fröhliche Lautstärke riecht nach Großstadt und ich fühle mich wirklich wohl.imageimageimageimageimageimageimageNach unendlichen Fußmärschen und Entdeckungstouren durch die verschiedensten Stadtviertel fallen wir völlig erledigt auf die gepolsterten Stühle eines kleinen Restaurants in mitten der Hochhäuser. Es gibt äußerst leckeren Salat und eine Runde Entspannung für uns und unsere geschundenen Füße, bevor es durch die Dämmerung zurück ins Wohnviertel unseres Couchsurfers im Westen der Stadt geht. Nach ewigen Überlegungen entscheiden wir uns für einen einfachen Obstkorb als Gastgeschenk, sind jedoch schon relativ spät dran, als wir, immer noch ohne ein erwünschtes Holzkörbchen, beim letzten Supermarkt vor ihrem Haus ankommen. Jede Bemühung, ein solches Gefäß aufzutreiben, ist bis zu diesem Zeitpunkt kläglich gescheitert und so kaufen wir das Obst mit dem einfachen und unbefriedigenden Plan B, es auf einem ihrer eigenen Teller zu platzieren. Die Tüten gefüllt und um unsere Handgelenke geschnürt, watscheln wir müde und unzufrieden aus dem Supermarkt und trauen unseren Augen nicht, als wir einen kleinen Holzkorb erblicken, der ohne offensichtlichen Besitzer dort direkt vor unserer Nase auf der Straße liegt. Es ist so unreal, dass wir uns beide nur angucken können und ihn mit einem wortlosen Kopfschütteln in unseren Besitz übergehen lassen. Unreal vor allem deswegen, da wir beide während unserer bisherigen Reise sowieso schon immer das Gefühl haben, auf irgendeine unerklärlichen Art und Weise von irgendwo, von irgendwem ziemlich stark unterstützt zu werden. Mit sprachlosem Erstaunen in unseren Gesichtern ist dieser Korb, so komisch es auch klingen mag, der beste Beweis dafür und mir scheint es bis zum heutigen Tag noch immer wahnsinnig unreal. Kurzerhand wird das kleine Körbchen mit unserem Obst gefüllt und noch mit einem Zettel versehen, dann ist es Zeit sich von Hans und Wurst zu verabschieden. Die beiden vermitteln uns in dieser kleinen, uns eigentlich fremden Wohnung ein starkes Gefühl des Zuhauseseins und mir ist es direkt etwas traurig die beiden kleinen ein letztes Mal zu streicheln, bevor wir den Hausschlüssel durch den Türspalt zurück in die Wohnung schieben und mit Sack und Pack zur Bushaltestelle zurück fahren, von der uns ein weiterer Megabus abholen und nach New York City bringen wird. Von ein wenig Traurigkeit erfüllt treten wir diese letzte Tour zusammen an, denn es ist die letzte Stadt unserer Reise. In den letzten Wochen haben wir so wahnsinnig viel erlebt, dass es meinem Kopf immer noch schwer fällt, hinterher zu kommen. Knappe vier Wochen, in denen ich so viel gereist bin und so viele irre, schöne und vor allem verschiedene Dinge gesehen habe wie noch nie zuvor in meinem Leben. Vier Wochen gefüllt mit Eindrücken, Bildern, mit Fußmärschen und Anstrengung, Orten und Menschen. Bis zum Platzen gefüllt. Und trotzdem sind sie so schnell an uns vorbeigerast. Nun steht die letzte Station an. New York. Eine Stadt, auf die wir uns beide schon seit Beginn unserer Reise so wahnsinnig freuen.

DELAWARE

imageSchlafend. Im Bus.

MARYLAND

imageMitten in der Nacht setzt uns der Bus am Rande Baltimores ab und wir schaffen es mit viel Mühe, Ausdauer und Überwindung letzten Endes doch ein wenig unerwartet wahrhaftig noch mit dem letzten Bus bis zu unserer Ranzabsteige zu gelangen. Unser eigentlich geplanter und fest zugesagter Cousurf-Host sagt uns in letzter Sekunde ab und so buchen wir wieder kurz vor knapp eine billige Unterkunft, die praktischer Weise aber genau auf dem Weg liegt zwischen der ganz außerhalb gelegenen Bushaltestelle, von der es am morgigen Abend wieder weiter geht und der Innenstadt. Dieses Mal sind wir wirklich kurz vor tot als wir am Motel ankommen und unser vor Ranzgeruch fast explodierendes Zimmer betreten. Ansonsten geht es aber durchaus und schließt Internet und Frühstück mit ein. Nach Tagen ohne richtigen Schlaf, mit ständigem Ortswechsel und der baldigen ungewissen Rückkehr nach Deuschland im Nacken mit den negativen Geschichten der bereits ins Heimatland Zurückgekehrten auf Facebook, habe ich an dieser Stelle allerdings ein ziemliches Reisetief und breche für einen Moment heulend zusammen. Der beste Heulzusammenbruch-Auffänger ist Gott sei Dank nicht nur mein Freund sondern zufällig auch noch mein Reisebegleiter, relativ schnell geht es also auch schon wieder und endlich wird geschlafen.
Ohne Pause geht es allerdings am nächsten Morgen weiter. Das Frühstücksbuffet ist bei unserer Ankunft im dafür vorgesehenen Raum um 8:30am beinahe verputzt. Uns bleiben lediglich ein paar Scheiben Toast mit Marmelade, welche auch fürs Mittagessen vorgeschmiert und heimlich eingepackt werden. Nach dem erneuten Verpacken unseres gesamten Gerümpels, was wir mittlerweile wirklich sehr gut bewerkstelligen, uns aber trotzdem wahnsinnig zum Hals heraushängt, checken wir aus und ich habe mir bereits einen mit den Augen klimpernden Plan ausgedacht, der die Frau an der Rezeption davon überzeugen wird, unser Gepäck für den heutigen Tag aufzubewahren. Der Plan geht auf, das Motel verstaut unsere Koffer im letzten Loch des Wäscheraums und wir lügen ihnen ins Gesicht während wir behaupten, lediglich für ein paar Stunden weg zu bleiben. Wieder kreuzen wir hierbei unsere Finger und ich bin mir bei der Beobachtung des bisherigen Verlaufs unserer Reise 100%ig sicher, den Herrgott immer noch auf unserer Seite zu haben.
Baltimores Bussystem in den äußeren Bezirken, oder auch unser Touristendasein lässt ziemlich zu Wünschen übrig. Als wir endlich im Bus sitzen, fahren wir erst einmal über eine Stunde an unserem Ziel vorbei, können so aber immerhin genauestens beobachten und vermuten, ohne es gegoogelt zu haben, dass Baltimore in der Liste der US-Städte mit der größten schwarzen Bevölkerung ganz oben stehen muss. Des Öfteren sind wir die einzigen Weißen auf der Straße, im Bus oder der Bushaltestelle und während ich eine solche Situation bereits kenne und vor Allem nach unserer bisherigen Reise bereits gewohnt bin, ist es doch erstaunlich zu merken, wie sehr es trotzdem auffällt. So ganz nebenbei befindet sich Baltimore noch nicht einmal unter den ersten fünf Städten dieser Liste, wie erwartet ist San Francisco jedoch auf Platz eins der Städte mit den meisten asiatischen Bewohnern der USA.
Hauptsächlich verbringen wir unseren einzigen Tag in Baltimore an deren Hafen in Downtown.imageimageimageHier gefällt es mir sehr und der Hafen bietet viele schöne Plätze, wenn auch von Touristen besiedelt. Zu den Straßen der Stadt stellt mein Partner fest, er stelle sich New York ungefähr so vor, nur fünf mal so hoch, groß, breit und laut. Womit er meines Erachtens durchaus Recht hat.imageimageUnd auch wenn Baltimore anscheinend als ‘Shit-hole’ gillt,wie wir später erfahren, kann ich immer noch mit tiefster Überzeugung sagen, dass mir sowohl die touristische Innenstadt als auch all das, was wir an diesem Tag von der restlichen Stadt sehen können, sehr gut gefällt. Zwischenzeitlich habe ich immer wieder einen Ohrwurm von Hairsprays ‘Baltimore’ und falls jemand die besagte Filmszene der neueren Verfilmung vor Augen hat, in der die Dicke am Morgen perfekt gestylt aufwacht, das Lied singend ihre Haustür öffnet und auf die Straße tritt - genau so sieht Baltimore aus.

Nach einem ziemlich unspektakulären Abendessen fahren wir zum Motel zurück um unsere Sachen zu holen. Zumindest wollen wir das und haben uns einen perfekten Zeitplan zurechtgelegt, verschnarchen durch eine Accapella-Live-Performance auf der Freilichtbühne am Hafen aber irgendwie uns rechtzeitig an den Bus zu stellen und so läuft der Rest des Abends mit Totalhektik, Körperschmerzen und dem Beschluss ab, nie wieder etwas auf den letzten Drücker machen zu wollen. Am Motel angekommen bleiben uns 20 Minuten um mit dem letzten Bus rechtzeitig zu unserer Megabus-Haltestelle zu gelangen, von woaus wir für 5$ nach Philadelphia gefahren werden. Als wir mit der Frau an der Rezeption in die Wäschekammer eilen, fehlt allerdings jegliches Anzeichen unseres Gepäcks. Mein Reisepartner beginnt damit dezent die Panik zu schieben, die ich gekonnt aus meinen Gedankengängen vertreibe. Die Frau tätigt, selbst leicht panisch, einige Anrufe und schaut dann irgendwann doch noch einmal in einen anderen Raum, in dem die Dinger dann doch tatsächlich stehen. Wir rennen mit ihnen zur Bushaltestelle, an der wir eine gefühlte Ewigkeit auf den Bus warten, der uns auf den allerletzten Drücker noch rechtzeitig zur Haltestelle befördert.
Heilfroh, hundemüde und komplett am Ende schlafen wir die ganze Fahrt über durch.

WASHINGTON D.C.

imageUns ist bereits bewusst, dass der uns bevorstehende Teil der Reise der wahrscheinlich anstrengendste werden wird. Aus finanziellen Gründen können wir uns ein Mietauto für die letzte Tour, von Washington D.C. hoch nach New York City, nicht auch noch leisten, ich habe also im Voraus bereits über megabus.com einen so billigen Bus gebucht, dass es mir fast schwer fällt überhaupt an die Existenz dieses Unternehmens zu glauben. Ohne Auto - dafür mit unserem kompletten Gepäck bewaffnet kommen wir also in der Hauptstadt an und fahren erst einmal mit der Bahn zum späteren Busstop in der Stadt, von wo aus wir am Abend mit viel Glück nach Baltimore aufbrechen werden und wo es Schließfächer für unsere Koffer geben soll. 48$ bezahlen wir dafür, dass wir unser Gerümpel auf lediglich drei Gepäckstücke reduzieren und diese bis zum Abend sicher dort verwahren können. Wir müssen zwei Mal überlegen bis wir diese Summe auch wirklich auf den Tisch blättern, es scheint aber unsere einzige Möglichkeit zu sein.
Dann beginnt unsere Mission als Vollzeittourist. Die Kamera um den Hals und Landkarten in der Hand sind mir mittlerweile auch schon gar nicht mehr peinlich und so stiefeln wir so schnell wir können zum State Capitol, wo ich uns bereits im Voraus eine Tour gebucht habe.imageZur Landkarte und Kamera gesellt sich also auch noch ein Kopfhörerset, während wir der wahrscheinlich lustigsten Tourführerin der Welt mit einer großen Gruppe hinterher trotten und diese uns durch ein Mikro direkt in unsere Ohren über die Geschichte des Kapitols und gleichzeitig die Amerikas berichtet.imageimageimageimageimageDie Tour ist erstaunlich interessant und das Gebäude schlicht beeindruckend. Sowohl von innen, als auch von außen. Es geht weiter zum Weißen Haus, vorbei am Washington Monument und riesige römisch angehauchten Gebäuden. Der Park in deren Mitte und auch der Rest der Stadt gefallen uns äußerst gut, auch wenn es schon wieder so heiß ist, dass man es kaum aushält.imageimageUnsere Füße schmerzen unglaublich. Und mit vier Stunden Schlaf sind wir bereits so gut wie tot als wir beim Weißen Haus ankommen. Es ist schon ziemlich verrückt wahrhaftig an diesem Ort zu sein und es hat etwas mystisches an sich, als wir uns dem riesigen Anwesen nähern. Als wir vor dem Zaun ankommen, der gierig fotografierende Besucher aus aller Welt vom Wohnsitz des Präsidenten fernhalten soll, sind zwei äußerst grimmig dreinschauende Polizisten gerade dabei die Menschenmasse wie eine Horde Vieh in die Richtung zu treiben, aus der wir in diesem Moment gehumpelt kommen. Ich schaffe es ein einziges Foto zu schießen, bevor man mich mit einem harschen 'Mam!' vertreibt. Mehr Polizisten rücken an und vertreiben die sichtlich verärgerten Menschen bis weit vor das Weiße Haus, wo wir uns auf dem riesigen Rasenplatz versammeln. Immer mehr Leute werden es,die gierig auf den ewig weit entfernten Eingang des Gebäudes starren und irgendwann sickert auch zu uns verwunderten beiden Touristen durch, dass der Präsident persönlich, von einem Auslandsaufenthalt zurück, angeblich um 5 Uhr in seinem Haus eintreffen soll. Es ist 5:30pm als sich auf dem Dach der Villa schwarz gekleidete Männer versammeln. Ich, die White House Down bereits drei Mal gesehen hat. vermute in ihnen sofort die Bodyguards Obamas, die dort oben bei den leisesten Unstimmigkeiten in ihren Fernrohren bereit sind, alles und jeden mit ihren Pumpguns nieder zu schießen.imageIrgendwann hören wir die Sirenen der Polizei im von uns rechten Teil der Stadt und dann rollen wenig später drei große schwarze Autos direkt vor die Eingangstür des Weißen Hauses, wo man deutlich dort wartende Polizisten erkennen kann.
Bis heute wissen wir nicht ob es wirklich der Präsident persönlich war, der dort an diesem Tag für so viel Aufruhr sorgt und meinen Reisepartner interessiert dies auch herzlich wenig. Ich aber mag die Vorstellung sehr und werde es einfach lassen herausfinden zu wollen, was Barack an diesem, unserem einzigen Tag in Washington D.C. gemacht hat, nur, um mir die Illusion nicht zu nehmen, tatsächlich den Präsidenten gesehen zu haben. Quasi.

Ich habe uns für unsere Abendessen ein Soul Food Restaurant herausgesucht und bin äußerst gespannt, während wir durch die wirklich schöne Stadt fahren, da ich seit meiner ‘Soul Food’-Seriensucht auch einmal echtes Soul Food essen würde.imageDer Laden hat mehrere Awards gewonnen und gilt als berühmt, wir haben also entsprechende Erwartungen. Erst einmal laufen wir, in der richtigen Straße angekommen, an dem kleinen, Imbissbuden-artigen Schüppchen vorbei und müssen sehr lachen als dieser sich tatsächlich als unser erwartetes Auszeichnungen gewinnendes Restaurant herausstellt. Wir bestellen unten am Tresen in einem winzigen Gang zwischen Wand und Kochzeile, an dessen an die fünf Schwarze sitzen. Als vorerst einzige Weiße in dem Laden werden wir bereits am Eingang herzlich begrüßt und dann begeben wir uns über eine winzige Treppe in das zweite Stockwerk, in dem man sein Essen angeblich sitzend zu sich nehmen kann. In dem kleinen Raum stehen Plastikstühle und kleine Tischchen, eine Ketchup Tube steht auf jedem. Es läuft R’n’B Musik über einen riesigen Flachbildschirm, an der Wand hängen einige berühmte Leute, unter anderem Jay-Z, der auf dem Foto dem anscheinenden Besitzer des Ladens cool auf der Schulter lehnt. Daneben hängt eine Restaurant-Auszeichnung. Auf eine skurrile Art und Weise mögen wir es hier sehr, vor Allem als unsere Chicken Wings, Mac and Cheese und Corn Bread in einem Styroporbehälter an unseren Tisch gebracht wird. Die Getränke kommen in Pappbechern und dazu gibt es Plastikgabeln von der äußerst netten Kellnerin. Das Essen ist sehr lecker und irgendwie macht es Spaß hier so unbeschwert und einfach unseren einzigen Abend in der Hauptstadt verbringen zu können.
Wieder auf der Straße spricht uns einer der Mitarbeiter an, fragt uns ob wir schon einmal hier waren und reicht uns seine Hand. 'Welcome to the family!', lächelt er und vermittelt uns damit nur noch einmal sehr deutlich das Gefühl des Willkommenseins, welches wir bereits beim Betreten des Ladens empfanden. Dann erklärt er uns noch den genauen Weg zur Busstation, bevor wir mit der Bahn durch die Nacht zurück zu unserem Gepäck fahren.

Megabus.com gibt es tatsächlich.imageUnd nicht nur das. Für die 3$ Überfahrt nach Baltimore (Preis für zwei Personen, inklusive taxes und tip) steht uns kostenloses Internet zur Verfügung. Außerdem freie Platzwahl in dem doppelstöckigen Riesenoschi und ein Dach aus Glas, mit freier Sicht auf den Nachthimmel Amerikas, dessen Anblick wir allerdings komplett verschlafen.

FLORIDA

imageVon Key West, dem kleinen und südlichst gelegenen Stückchen Land der USA, welches sich im Südosten in den Atlantik schmeichelt, erwarte ich mir das Paradies. Umgeben von hellblauem, klarem Wasser mit Palmen und weißen Sandstränden, auf einer Art Insel, die durch lediglich eine Straße mit dem großen Rest der USA verbunden ist. Bei einem Blick aus dem Flugzeugfenster, kurz vor der Landung, sieht das Ganze auch noch so aus.imageDas Meer erstreckt sich türkis blau in die Ferne und in ihm das winzige Key West, umgeben von kleineren Inselgruppen und Booten. So sind wir also bereit für das Paradies, als wir, am Flughafen angekommen, unseren dritten und letzten Leihwagen abholen. Kate, wie sie relativ schnell getauft wird, sieht fast aus wie ihr Vorgänger Greg, nur ist sie rot. Zufällig aber auch seine strenge Tante, mit Kurzhaarschnitt, Entschlossenheit und Männerhass.

Wir führen Kate durch die Straßen Key Wests, die auch wirklich hübsch sind.imageimageimageDer Strand, an dem wir kurz entschlossen einmal schnell ins Meer hüpfen ist allerdings ziemlich doof. Der Meeresgrund ist komplett bewachsen und das Wasser dunkelgrün. Als wir dann nach Key Wests ‘Downtown’ fahren, trifft uns der Schlag. Die kleinen, gemütlichen und eigentlich wirklich hübschen Sträßchen sind von unzähligen Touristen belagert. Die Gehwege sind voll. Alle paar Meter werden einem irgendwelche Touren angeboten und die Fotos machenden Fahrradfahrer lassen kein Durchkommen zu. Es ist ziemlich schrecklich und zerstört den paradiesischen guten Eindruck, den ich von Key West erwartet hatte und zu Beginn auch durchaus hatte, innerhalb weniger Stunden komplett.imageimageimageWir essen in einer Touristenabsteige und halten dann an einem zufällig entdeckten Dessert-Restaurant. 'Better than Sex' nennt sich der Schuppen, dessen Gardienen zugezogen sind und wir ahnen nichts Böses, als wir das rote Gebäude betreten. Hätte ich nicht auf Hawaii in dieser wahnsinnig komischen Couchsurfer-WG die Nächte auf dem Boden in Katzenpisse verbracht, wäre der folgende auf jeden Fall mein persönlicher Spitzenreiter in der Kategorie ‘absurdeste Momente’ geworden. Das Lokal ist komplett abgedunkelt. Die Kellnerin begrüßt uns in einem skurril sexuell klingenden Ton und weist uns in dem leeren raum einen Tisch in der Ecke zu. 'Zum Kuscheln', raunt sie. Die Speisekarten sind, wie der Bildschirm eines Kindels, von hinten beleuchtet. Praktisch, denn in der Dunkelheit hätte man ansonsten wahrscheinlich aus Versehen seine Hand gegessen. Jedes Gericht ist auf obszön sexuelle Art doppeldeutig beschrieben und mit einem passenden Namen versehen, der zumindest mir, beim Bestellen schon etwas peinlich ist.imageIch bin Gott sei Dank damit beschäftigt mein Prusten zu unterdrücken, während mein Tischpartner irgendwelche Sex-Desserts bestellt. Die zwei Stück Kuchen, die uns Kellnerin Tia mit ihrer unterdrückt rauchigen Telefonsex-Stimme serviert, sind wirklich lecker und meines sogar tatsächlich mit dem Schokoladen-Schriftzug 'Sex' versehen.image

Am Abend versuchen wir in Key Wests Umgebung irgendwo einen Schlafplatz zu finden. Wir klappern die völlig überteuerten Campingplätze ab und entscheiden uns am Ende doch, illegal an einem abgedunkelten Straßenrand zu schlafen. Die Nacht wird eine der ätzendste meines Lebens. Zumindest denke ich das zu diesem Zeitpunkt. Es ist irre heiß. Als ich mitten in der Nacht aus einer Panikattacke heraus die Fenster öffne, finden ein paar Mücken den Weg in Kate, was die Nacht noch beschissener macht.
Nach ungefähr einer Stunde Schlaf richte ich meinen Sitz gegen 7 Uhr ruckartig wieder auf und drücke aufs Gaspedal. Richtung Norden geht es, die fast 11 Kilometer lange ‘Seven Mile Bridge’ über den klaren, hellblauen Atlantik, mitten in die Everglades.
Zu allererst suchen wir uns hier einen Campingplatz. Da auf Grund des Wetters und der Ungeziefer anscheinend niemand hier zeltet, kostet uns weder der Schlafplatz etwas, noch die Dusche, die wir direkt nach unserer Ankunft in Anspruch nehmen. Leider ist es hier so schwül warm, dass man bereits beim Abtrocken nicht mehr weiß, ob das feuchte auf der aufgeheizten Haut gerade restliches Duschwasser oder brandneuer Schweiß ist, der einem erneut den Rücken hinunter läuft.
Wir erkunden den National Park ein wenig und erwischen ganz knapp noch die letzte Bootstour am heutigen Tag, die uns 1 1/2 Stunden lang auf einem offenen, motorbetriebenen Gefährt mit einem Fahrer und einem Tourguide durch Floridas Keys führt. Wir sehen riesige Vögel, irre urwaldartige Bäume, einen Hai und ein Krokodil, welches unter einem Steg im Wasser zu schlafen scheint oder sich genauso wenig bewegen will wie wir.imageimageimageimageDer Tourguide ist ein wirklich Lieber, der noch persönlich mit jedem Einzelnen ein wenig plaudert, seine Augen allerdings weit aufreist als wir davon berichten, die heutige Nacht im Zelt zu verbringen. 'Naja ich will euch mal keine Angst machen', grinst er 'aber die Moskitos können hier schon ziemlich böse werden.' Ansonsten ist die Tour wirklich entspannend und schön, für das bezahlte Geld hatte ich mir allerdings schon etwas mehr erhofft.

Als die Dämmerung einsetzt begeben wir uns auf unseren Zeltplatz und beginnen so schnell wie möglich damit, unser Essen zu bereiten und noch vor der Dunkelheit im Zelt zu verschwinden. Schon zu dieser Zeit nerven die Mücken gewaltig und irgendwelche winzigen Mistviecher beißen uns ununterbrochen in jede freie Körperstelle. Trotzdem finde ich die Panikmache der Ammis im Voraus mal wieder völlig übertrieben und vergleiche die Moskitoanzahl noch nichtsahnend mit einem ganz normalen Sommerabend im Garten meiner Kindheitsbehausung. Die Viecher nerven nach einer Weile wirklich extrem und so verschwinden wir gegen 9 Uhr in unserem Zelt. Wir schließen lediglich das weiße Gitter des Zelteingangs, um der sich anstauenden schwülen Hitze so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen und können zu Beginn der Nacht auch ohne Probleme einschlafen. Als ich mitten in der Nacht aufwache bin ich komplett zerstochen. Überall merke ich Viecher sich in meine Haut bohren. Dazu ist es unglaublich heiß. Wir vermuten zunächst vielleicht drei der kleinen Mistviecher die irgendwie den Weg in unser Zelt gefunden haben. Neben meinem Ohr ertönt zusätzlich ab und zu das fiese Surren einer Mücke. Auch hier vermute ich vielleicht eine. Mit meiner Platzangst gelingt mir das Schlafen unter unserem Laken nicht besonders gut. Auch nicht, als ich mir mit Hilfe des Wasserkanisters ein kleines Zelt um meinen Kopf baue. Es ist ätzend.
Beim leisesten Ansatz der Morgendämmerung reiße ich die Decke von meinem Kopf und erspähe die Anzahl der Viecher in unserer Behausung, die dezent größer ist als erwartet. An die eine Million kleiner schwarzer beißender Mistviecher haben sich in unserem Zelt zusammengefunden. Die Decke, die meinen Leidenspartner komplett bedeckt, ist von ihnen besiedelt. An die 1000 Mücken surren um meinen Kopf und von innen gegen die Zeltwand und ich bilde mir ein, dass ich unsere grünen vier Plastikwände, beim öffnen des Gitters, schneller verlasse als sie. Noch nie haben wir so schnell unser Zelt abgebaut wie an diesem Morgen. Die übrigen Dinge werden ohne Rücksicht auf Verluste in unser Gefährt geschmissen während uns die Viecher an der frischen Luft immer noch auffressen und mindestens eine Hand ununterbrochen mit dem Versuch beschäftigt ist, diese zu vertreiben. Auch unser Auto ist komplett mit den widerlichen Biestern gefüllt. Weit geöffnete Fenster und eine voll aufgedrehte Klimaanlage bei rasantem Tempo Richtung Parkausgang beseitigen sie aber relativ schnell.
Wir wandern noch kurz einen der vielen Wanderwege durch die Everglades entlang. Überall wird eher nebensächlich darauf hingewiesen, dass dies kein Zoo wäre, sondern pure, unberührte Natur und man solle nicht näher als 15 feet an auftauchende Tiere herantreten. Zu unsrer eigenen Sicherheit. Wir hören das tiefe raunen eines offensichtlich großen Tieres in den Büschen neben uns, sehen zunächst aber nur ein paar Fische und riesige Vögel. Plötzlich und unerwartet taucht im Tümpel zu unserer Linken ein riesiges Reptil auf. Während der gestrigen Tour lernen wir praktischer Weise einen Alligator aufgrund seiner Augenstellung von einem Krokodil unterscheiden zu können und sind uns bei diesem sofort sicher: Ein gigantischer Alligator gleitet direkt neben uns durch das tiefgrüne Wasser.imageKeine vier Meter zwischen uns und dem Tier, welchem ich in einer der unzähligen von mir geguckten Tierdokus dabei zusehe, wie er aus dem Nichts einen riesigen Büffel angreift und verschlingt. Ich frage mich ernsthaft, ich frage mich ernsthaft, ob so etwas hier schon einmal passiert ist, nur dass es eben ein Mensch war, der im Maul des Riesenviechs verschwand. Das riesige Tier in Mitten der freien Natur macht mir Angst, gleichzeitig ist dieses Erlebnis aber unglaublich faszinierend.

Das nächste Ziel unserer Reise ist Miami. Während der einstündigen Autofahrt Richtung Norden wissen wir allerdings immer noch nicht wo wir die nächsten Nächte in der riesigen Stadt verbringen werden und halten auf dem Weg kurz auf einem McDonalds Parkplatz um uns in dessen Internet wählen zu können. Schnell ist das günstigste Hotel, sogar direkt am Miami Beach gefunden, unsere Erwartungen demnach nicht allzu hoch, als wir in der Stadt am Atlantik ankommen. Direkt an der Touristen Meile am Strand vom South Beach, wo sich ein Hotel nach dem anderen aneinanderreiht und die Straßen zum Bersten gefüllt sind mit Beach Boys aufgestylten Frauen, alten Reichen und betrunkenen Normalos, direkt hier steht auch unsere Absteige. Internet haben wir umsonst, dafür ist das Frühstück nicht inklusive - obwohl es auf der Internetseite so angekündigt war. Unser Zimmer ist relativ groß, Möbel und Zustand des Raumes mäßig bis sehr abgeranzt. Dafür haben wir immerhin ein großes Bett, Tisch und Stühle und ein riesiges Fenster zur Touristraße hinaus. Was will man mehr. Für zwei Flaschen Wasser und zwei Kaffeepads am Tag, die uns mit dem Zimmerservice bereitgestellt werden, bezahlen wir eine Hotel-Fee, die uns ohne zu fragen vom Konto abgezogen wird. Klopapier ist umsonst.
Da selbst der Preis für das Zimmer schon nicht mit eingeplant und daher auch eher weniger in unserem Buget liegt muss am Abend, nach einem größerem Lebensmitteleinkauf und dem ersten Eindruck von Miami Beach, unser Gaskocher im Hotelzimmer auspacken werden. Und da das winzige Ekelbad als einziger Raum ohne Rauchmelder zur Verfügung steht, wird dieses kurzer Hand zur Küche umfunktioniert.imageOhne Fenster und jeglichen Abzug und mit dem Rauchmelder direkt vor der Tür, wird das Bad nach und nach zur Dampfsauna und so schwitzt der Koch sich halb tot während ich grinsend zum ersten Mal seit drei Wochen unsere Koffer ausräume und den Inhalt in die begehbare Muffkammer sortiere. Das Gefühl der Ordnung in einem trockenen Zuhause für immerhin drei Nächte ist unbeschreiblich, auch im noch so dreckigen Hotelzimmer. Mit Tischdecke, Kerze auf dem Tisch und gedämmten Licht erscheint beinahe jeder Ort halbwegs gemütlich und so genießen wir unser Mahl im Schein unserer Kerze und des belebten Mimi Beaches sehr.

Das labbrige Ammi-Brot zum täglichen Frühstück hängt uns mittlerweile ziemlich zum Hals heraus, trotzdem dient dies am Morgen als unsere einzige Nahrung denn wir haben beschlossen, den heutigen Tag ganz entspannt anzugehen. Internet, Strom und Bett, ein kombinierter Superluxus, muss ausgenutzt werden und wir liegen bis zum Nachmittag in unserem Bett. Bevor wir auf die Straße treten betätige ich noch einmal die Spühlung unseres klapprigen Klos und folgende Situation ereignet sich ohne, dass Frank Elstner sich die Waschbecken-Verkleidung vom Leib reißt und mit mir in die versteckten Kameras winkt: Das Klo läuft über. Es tröpfelt nicht oder verliert etwas Wasser auf dem glatten Kachelboden, sondern sprudelt mir springbrunnenartig entgegen und jeder Versuch meinerseits, die nicht mehr stoppende Spülung aufzuhalten, ist völlig zwecklos. Innerhalb kürzester Zeit stehe ich bis zu den Knöcheln im Wasser der Klospülung und gackere nach mehreren laut ausgesprochenen 'Ach du scheiße's hilflos vor mich hin, als ich meinen auf den Springbrunnen fixierten Blick zur Tür schweifen lasse. Der Spalt zwischen dieser und dem Fußboden reicht um einen Cheeseburger darunter hindurch schieben zu können, ich reiße nach einer kurzen Schocksekunde also immer noch komplett überfordert die Tür zum Hauptraum unseres Hotelzimmers auf und starre auf den kleinen Fluss, der fröhlich an unserem Bett vorbei Richtung Ausgang fließt und dabei in den hässlichen Teppichboden sickert. Mit Hilfe aller zu greifenden Handtüchern versuche ich das Wasser zurück ins Bad zu schieben und baue eine Handtuchbarrikade vor der Badschwelle als es an die Zimmertür klopft. Gefolgt von meinem Reispartner, der von seiner Raucherpause gerade pünktlich zurückkehrt, kommt eine Frau ins Zimmer gerannt, die schon von Weitem ein 'There is water, water' ertönen lässt.
Am Ende ist mir jeglicher Spaß vergangen während ich mit vom Wasser aufwischen ganz schrumpeligen Fingern auf einem Stuhl im Zimmer verschnaufe und ein Handwerker des Hotels auf allen Vieren versucht, das Wasser aus dem Teppich zu saugen, nachdem er mit einem ungläubigen 'You make your own food here?!', lachend unsere Kochutensilien entdeckt.
Die restlichen Stunden des Tages verbringen wir in Mitten der Touristen zuerst in der Stadt und dann am Strand.imageimageimageObwohl es immer noch wahnsinnig heiß ist, hat sich die Sonne schon lange verabschiedet, während wir im Atlantik planschen. Und wieder muss ich feststellen, dass ich, so sehr ich dicht gefüllte Touristengegenden am Strand eigentlich verabscheue, einen Strand bevorzuge, bei dem man sich nicht erst die Füße aufschlitzt oder auf glibschige Pflanzen tritt bevor man sich im mehr oder weniger kühlen Nass niederlässt. Die pflanzenfreien Pissbecken der Touristen sprechen mich in dieser Beziehung doch mehr an und so genieße ich das Bad im Meer sehr.

Ansonsten wird Miami wahrscheinlich nicht unsere Lieblingsstadt werden, obwohl wir uns an einem der Tage sogar nach Downtown aufmachen um auch einmal das wirkliche Miami und seine Leute kennen zu lernen. Little Havana, ein kubanisch angehauchtes, welches ebenfalls sehenswert sein soll, bleibt uns leider nicht sonderlich im Gedächtnis. Der Rest der Stadt, den wir zu Gesicht bekommen ist zwar groß und irgendwie überwältigend, das aber mehr auf eine Art, auf die es eben jede Stadt ist, die für mich als Dorfkind größer erscheint als Hamburg. Es mag auch das Wetter oder die Touristenmasse gewesen sein. Man weiß es nicht.
Am letzten Abend gehen wir noch einmal dekadent Essen nachdem wir unsere Kate ohne große Gesten des Abschieds bei der Autovermietung abgeben.imageUnd dann geht es am nächsten Morgen mit Sack und Pack, um 6 Uhr bei Sonnenaufgang zum Bus Richtung Flughafen. Mittlerweile haben wir unsere schweren Gepäckbrummer so satt, dass wir jedes Mal aufs Neue froh darüber sind, wenn sie hinter dem Check-In-Schalter auf dem Laufband verschwinden. Dann hebt unser gemeinsamer 3. Flug ab.imageRichtung Norden in Baracks Heimatstadt und die Hauptstadt der USA  - Washington D.C.

LOUISIANA

imageMit einer zweistündigen Autofahrt geht es erneut über eine Grenze in Bundesstaat Nr.8 unserer Reise, Louisiana. Dessen Hauptstadt, Baton Rouge, erreichen wir noch knapp vor Sonnenuntergang und lassen uns erneut durch meine zuvor ausgedruckte Google-Maps-Wegbeschreibung in das Zentrum der Industriestadt führen. Davon gehen wir zumindest aus, denn bis jetzt hat uns Google-Maps jedes Mal wieder verlässlich ins Zentrum einer Stadt geführt. Dieses Mal allerdings ist es schon etwas merkwürdig als wir kurz vor Ende der Beschreibung immer noch durch irgendwelche heruntergekommenen Wohnviertel rollen. Nach wie vor biegen wir bei Sonnenuntergang auf einen Einbahn-Sandweg und sollen dann rechts abbiegen. Wir seien dann in Baton Rouge. Am Rand der aufgerissenen, winzigen Straße in die wir biegen, weißt ein Schild auf eine Sackgasse hin. Vor den abgerissenen, kleinen Häusern, welche von Müll und Autowracks umgeben sind, sitzt eine Horde Jugendlicher, die uns ungefähr so anstarren wie die Wesen eines anderen Sterns. Mein Lachkrampf, der mittlerweile schon dabei ist mir Bauchschmerzen zu verursachen, hält meinen Reisepartner nicht davon ab unseren Greg direkt vor ihnen mit quietschenden Reifen um 180° Grad zu drehen und von einer Staubwolke verfolgt die Straße zu verlassen, denn er vermutet in den schwarzen Bewohnern des Ghetto-Hoods mindestens die Gangsterbrüder eines 50 Cents, die nur darauf warten unseren kleinen Fort Fiesta mit ihren Pumpguns auseinander zu nehmen.
Außer grauen Hochhäusern und Industriegebäuden sehen wir leider auch nicht mehr von Baton Rouge, einen passenden Song müssen wir uns dementsprechend selber zusammen reimen und diesen fröhlich vor uns hin schmetternd geht es dann relativ schnell weiter zu unserem heutigen Tagesziel, dem 176 Meilen entfernten New Orleans. Seit Beginn unserer Reise freuen wir uns beide wahnsinnig auf diese Stadt, sind also äußerst gespannt als wir im Dunkeln ihren Namen auf den grünen Autobahn-Schildern erkennen. Wir werden die hier geplanten zwei Nächte bei einem Couchsurfer verbringen, der sich bereits im Voraus super lieb bei uns meldet und auch immer noch auf uns wartet, als wir viel später als erwartet auf den Parkplatz seiner Wohnanlage rollen. Die Luftmatratze hat er uns bereits bezogen und Decken im offenen Wohnzimmer bereit gelegt. Auf einem kleinen Glastisch vor dem Sofa liegen eine ganze Menge Landkarten und Touristenführer der Stadt. Frische Handtücher warten gefaltet darauf, von uns benutzt zu werden. Da wir für den Besuch in einer von ihm vorgeschlagenen Bar schon zu müde sind, öffnet er uns lediglich ein Bier und nachdem er meinen Riesenkoffer die drei Stockwerke hinaufgehieft hat, sitzen wir noch eine Weile auf dem Teppichboden seiner Wohnung und unterhalten uns. Tennislehrer ist er, was den Bräunungsgrad des 27-jährigen erklärt. Aufgewachsen in Minnesota wohnt er jetzt schon seit vier Jahren hier und liebt die Stadt. Berlin kann er nicht ab. Dafür liebt er Amsterdam, wie er bei seinem letzten Trip durch Europa herausfindet. Der blonde Amerikaner mit blitzweißen Zähnen ist sehr entspannt und redet viel, scheint aber auch unsicher zu sein denn wenn er gerade einmal nicht irgendwo an die Wand guckt, dann guckt er während des Gesprächs ausschließlich Fietz an. Eine Eigenschaft, die mir generell bei Menschen wahnsinnig auf den Senkel geht. Wirklich übel nehmen kann man der guten Seele aber nichts und nach dem zweiten Bier fallen wir totmüde auf die Luftmatratze.
Am nächsten Morgen ist er selbst schon zur Arbeit aufgebrochen, hat uns aber einen Zettel mit abzuhakenden Sehenswürdigkeiten plus Wegbeschreibung hinterlassen. Später kommt er doch noch einmal hereingeschneit, frühstückt mit uns eines eigenen Toastbrote und verschwindet. Um 8 Uhr sind wir mit ihm am Abend in der Stadt verabredet. Wir sollten uns schon einmal auf eine Menge Alkohol einstellen.
Wir fahren mit unserem Mobil in die fast 40 Autominuten entfernte Stadtmitte New Orleans’, in das sogenannte ‘French Quarter’, welches direkt am Mississippi liegt.imageimageDie Innenstadt ist wunderschön, erinnert einen aber doch stark an Europa, was bei seinem Namen vielleicht nicht allzu sehr überraschen sollte. Die meisten der viel belebten und engen Einbahnstraßen sind für mich, nach einem Jahr im Land des überschüssigen Platzes, zu Beginn doch sehr ungewohnt. In ihnen riecht es nach Essen und Muff, Hippie und alt. Äußerst vertraut. Es gibt Backsteinhäuser mit umlaufenden Balkonen und kunstvollen gußeisernen Brüstungen. Die meisten Gehsteige sind überdacht, alte Laternen säumen die Straßen, exotische Pflanzen überwuchern geheimnisvolle Hinterhöfe.imageimageimageimageDie Sonne brutzelt heiß vom Himmel während wir weiter durch die bunten Straßen laufen. Die Menschen hier sind sehr verscheiden. Es gibt Alte und Junge, mehr Schwarze als Weiße, ordentlich Gestylte und wehende Hippies. Musiker und Obdachlose, Hipster, Partypeople - und deutsche Touristen. Überhaupt scheinen wirklich viele unter ihnen Touristen zu sein, die sich in den weit geöffneten Kneipen schon am Mittag ordentlich die Kante geben. Einige Blocks weiter scheint die Burbon Street ein amerikanisches Abziehbild der Hamburger Reeperbahn zu sein.imageDie meisten Leute sind hier bereits jetzt volltrunken, pinkeln auf den verdreckten Gehweg oder werben mit ‘den geilsten’ nackten Brüsten in ihrem Schuppen. In einer Nebenstraße wehen die Regenbogenflaggen, die uns auf die wahnsinnig große Ansammlung von schwulen, herausgeputzten Männern aufmerksam machen, welche sich hier in den Straßen tummeln. Mit dem Auto ist beinahe kein Durchkommen, die Taxen hupen laut und ungeduldig. Belebt ist das French Quarter, in dessen Gemurmel der fröhlichen Menschenmassen sich gegen Abend noch die dröhnende Geräuschkulisse der verschiedenen Livemusiker mischt. Auch hier haben die meisten Bars und Restaurants wieder eine Band am Start, die bei geöffneten Türen die Menschen anlocken sollen. Mit unserem Auto erkunden wir noch einige andere äußerst schöne Stadtteile, in denen es aber um einiges ruhiger ist.imageimageimageimageDann geht es zurück ins French Quarter, denn bevor wir uns mit unserem Couchsurf-Host treffen, gehen wir noch flux etwas essen. Lokal gefangenes Seafood und ein viel zu großes, vor Fett triefendes Sandwich können unseren Erwartungen leider nicht standhalten, gemütlich ist es aber trotzdem, auf einem Balkon über der Stadt.

Als es schon dunkel ist treffen wir Couchsurfer B. in einer Bar seiner Wahl. In dem kleinen Schuppen spielen 3 Männer auf einer winzigen Holzbühne direkt hinter dem riesigen Schaufenster neben dem Eingang alten Blues.Der Gitarrist spielt, ohne viel Aufsehen darum zu machen, Zigarette rauchend auf einem Holzhocker so gut, wie ich es noch nie zuvor live gesehen habe. In der rechten Ecke versteckt sich ein Harp Spieler hinter einem alten Hutträger, der seine rauchige, tiefe Stimme zur Musik ins Mikro schmettert, während er dabei locker auf dem Waschbrett herumwischt, welches er um seinen Hals trägt. Ab und zu haut er auf die kleine Halli-Galli-Klingel, die zusätzlich an der Seite befestigt ist oder trommelt auf die beiden ausgebeulten Konservenbüchsen an dessen Unterseite. Mir gefällt diese band so gut, dass ich bereit bin einfach sitzen zu bleiben. B. verspricht aber, es würde genauso gut weitergehen und so ziehen wir zum nächsten Laden. Jede weitere bar, die wir im Laufe der Nacht kostenlos betreten, hat Live-Musik. In einer spielt eine sau coole Reggae Band und bringt nicht nur mich sonder auch den Rest des Schuppens zum Tanzen. In einer anderen spielt ein dicker Mann, eingequetscht zwischen Wand, einem riesigen Flügel und unglaublich vielen mitgröhlenden Menschen, Coversongs. Wir spielen Billard, treffen verschiedenste Freunde B.’s, bewundern New Orleans bei Nacht und sehen wahnsinnig gute Musiker. Als irgendwann alle Menschen um mich herum betrunken sind, mutiere ich automatisch zum Fahrer und so lotst uns B. von hinten durch die Stadt zur nächsten Party, nachdem er zwischen Töpfen, Isomatten und Koffern, auf der Rückbank tatsächlich noch einen Platz findet. Dort angekommen spielt in dem einen Gebäude eine relativ schlechte, viel zu laute Rockband mit Kopftüchern, in dem anderen treffen wir auf B’s Exfreundin, die von ihm auch gleich mit der Frage bedrängt wird, ob wir drei heute Nacht bei ihr schlafen könnten. B’s Wohnung ist immerhin gute 40 Minuten außerhalb und er will heute Nacht ums Verrecken nicht dorthin zurück. Wir haben keine Ahnung warum, uns bleibt aber nur ihm kopfschüttelnd zu folgen, genau so, wie wir es schon die ganze Nacht tun. Betrunken ist der Amerikaner mit skandinavischen Vorfahren mir um einiges angenehmer. Er ist irre lustig, nimmt mich während seinen Redeschwällen sogar wahr und es verursacht mir doch das ein oder andere mal Bauchschmerzen vor Lachen, wenn er ohne jegliches Wort darüber zu verlieren uns höchstens noch ein merkwürdiges Handzeichen gibt und dann im Laufschritt den Laden verlässt um im nächsten schnurstracks an der bar die nächste Runde Getränke zu bestellen. Komplett verwirrt und in den meisten Fällen noch gar nicht bereit zum Gehen, trotten wir ihm lachend hinterher. Manchmal weist sein kurzes 'Fuck this' darauf hin, uns zum Ausgang zu bewegen und wird nicht nur zu seinem Markenzeichen, sondern zu einem, im Laufe unserer weiteren Reise immer wieder auftauchenden Satz.
Irgendwann gegen 4 Uhr morgens, als wir B. eigentlich schon davon überzeugt haben, zu ihm nach Hause zu fahren, fällt diesem spontan noch eine Möglichkeit ein. 'We're gonna go to Joe's!' Auf meine Nachfrage ob es vielleicht nicht die beste Idee ist, bei dem Armen überraschend am frühesten morgen aufzuschlagen und zu Dritt bei ihm schlafen zu wollen antwortet B. mit einem Satz. 'He loves me.'
Vielleicht ist es das oder er ist einfach ein lieber Mensch, denn der zerstrubbelte braun gelockte Joe, der uns in Unterhose völlig verschlafen die Tür zu seinem winzigen Apartment im Herzen New Orleans’ offnet, lässt uns tatsächlich ohne zu zögern hinein. Seine Wohnung ist so dreckig und abgeranzt, dass es fast schon wieder Stil hat und ich es sehr bereue keine Kamera mit in unser letztes Nachtlager in Louisiana genommen zu haben. Der Musiker hat bestimmt drei Gitarren in dem einzigen Raum der Wohnung platziert. In einer Ecke direkt neben der Tür befindet sich die kleine Küche, die von einem Tresen umgeben ist auf dem B. Routiniert damit beginnt alles essbare aufzubahren und in sich zu stopfen. Joe grinst nur und erkundigt sich nach unserer bisherigen Reise, was B. mit einem gemurmelten 'told you he loves me' kommentiert.
Wir bekommen eine dünne Matratze die er von dem Stapel nimmt, der ihm in der anderen Ecke des Raumes neben einem Schreibtisch als Bett zu dienen scheint. Wir platzieren sie auf dem einzigen Stück freiem Fußboden und B. bleibt lediglich ein winziger freier Platz zwischen Bett und Küchentresen. Direkt unter dem riesigen Ventilator, der über uns seine lauten Runden dreht, schlafen wir so schnell wie nie, bemerken vorher aber noch kurz, dass die Hälfte der Decke einfach fehlt. Sie ist herausgerissen und wir blicken in den dunklen Dachboden, während uns die schweren Augen einfach zufallen.
2 1/2 Stunden später balanciere ich meinen noch schlafenden Körper in die dreckbeschichtete Dusche des winzigen Bads. Wir schaffen es zur Wohnungstür zu gelangen ohne jemandem aus Versehen aufs Gesicht zu treten doch als wir die Wohnung verlassen wollen, drückt B. uns plötzlich zwei Wasserflaschen in die Hand. Wortlos. Wir haben gar nicht mitbekommen, dass er überhaupt aufgestanden ist und so muss ich mir mein Lachen ernsthaft verkneifen, damit nicht auch noch Joe aufwacht. Auch nach 2 Stunden Schlaf bin ich immer wieder begeistert, was es doch für liebe Menschen auf der Welt gibt. Wir verabschieden uns erfüllt von Dankbarkeit und Müdigkeit und machen uns mit unserem Greg, nach knappen 880 zurückgelegten Meilen, 1416 km durch Amerikas Süden, auf den letzten Weg zum Flughafen.
Auf halber Strecke müssen wir an einer Tankstelle noch unsere Koffer flugtüchtig packen und kommen - mal wieder - viel, viel zu spät am Flughafen an. Irgendwann habe sogar ich, als positiver-Gedanken-Mensch und Meister im Verdrängen aller noch so negativen Kleinigkeit, mich mit dem Gedanken abgefunden, den Flug zu verpassen, während wir mit unseren viel zu schweren Riesenkoffern Richtung Terminal hetzen. Im Kopf habe ich bereits aufgegeben, doch wie durch ein Wunder schaffen wir es tatsächlich übermüdet, ausgehungert und völlig fertig, rechtzeitig unseren Flieger zu besteigen und verschlafen den kompletten Flug durch die Lüfte der USA, hinüber nach Florida.

MISSISSIPPI

imageEs geht in unserem völlig überhitzten kleinen Greg Richtung Süden ins knappe 100 Meilen entfernte Tupelo, unser erster Stopp in Mississippi.imageHier wurde Elvis geboren, außer einigen Pappfiguren des King of Rock’n’Roll in Lebensgröße und einer kleinen gemütlichen Straße, die Tupelos Innenstadt darstellt, bietet uns das Örtchen aber nicht viel mehr und wir fahren schon nach einem kurzen Entdeckungs-Fußmarsch noch weiter in den Süden.

Da Johnny Cash schon damals in einem Song über unser nächstes Ziel, das drei Autostunden entfernte Jackson trällert, ist uns völlig klar, diesen in Dauerschleife hören zu müssen und lauthals mitzusingen, während wir in die Großstadt rollen. Schon von weitem begrüßt uns eine zwischen den Hochhäusern aufsteigende bedrohlich wirkende Rauchschwarde. Die dunkle, fast schwarze Wolke steigt langsam in den Himmel auf und es ist relativ schnell klar, dass es am Ort den Geschehens heftigst brennen muss. Ein riesiger Nachtclub steht in Flammen und wir geraten beinahe in eine Art Stau, als wir blöde gaffend daran vorbei rollen. imageGemeiner Weise hilft die Rauchwolke uns planlosen Roadtripern in der doch recht großen Stadt doch sehr uns zu orientieren. Eine von mir erwünschte Shopping-Möglichkeit finden wir dennoch nicht. Jacksons Einwohner scheinen ausschließlich damit beschäftigt zu sein, in ihren Autos zwischen den grauen Gebäuden hin und herzufahren. Besonders hübsch ist es hier eher nicht. imageimageZudem soll Mississippi der ärmste Staat der USA sein, was wir deutlich zu spüren bekommen, als wir durch einen etwas abgelegenen Teil der Stadt fahren. Wie ich es bisher nur aus Filmen kenne, sitzen hier ausschließlich Schwarze vor ihren heruntergekommenen Hütten mit alter Veranda. Müll säumt die aufgerissenen, engen Straßen ohne Mittelstreifen. Wir weiße Touristen in Greg, mit Landkarten hinter der Windschutzscheibe und die Landschaft begaffend, scheinen hier sehr aufzufallen, denn die Menschen, an denen wir vorbeifahren, gaffen mindestens ebenso neugierig zurück. imageSchilder weisen ausdrücklich darauf hin, dass Waffen hier verboten seien und am Ende ist sogar mir, als weltoffene Vorurteilshasserin, etwas mulmig zumute, als sich an einer roten Ampel eine Gruppe Jugendlicher versammelt die uns düster mustern.
Der Größte Ballungsraum des Bundesstaates, den Jackson mit seinen knapp 200 000 Einwohnern darstellt, macht ansonsten aber keinen sonderlich urbanen Eindruck. Wir besichtigen nur kurz das Old Capitol, welches bis 1903 als Sitz von Regierung und Parlament diente, beschließen dann, noch einen Ort weiter zu fahren und erreichen am Abend das kleine Örtchen Vicksburg am Fuße des Mississippi. 

Wieder hat das Büro des Campingplatz unserer Wahl bereits geschlossen, ein Schild bittet uns darum, die 20$ am nächsten Morgen zu bezahlen und ein äußerst nettes Ehepaar verrät uns mit sympathischem Südstaatenakzent den Code für die saubersten Duschen unserer bisherigen Reise. Ich liebe den Akzent. So sehr, dass ich mich jedes Mal aufs Neue freue ihn zu hören, meine schon lang andauernden Bemühungen diesen auch sprechen zu können aber bis jetzt nur für ein ‘Yes Meiam’ reichen. Dieses ist aber immerhin eines der auffälligsten Merkmale der Südstaaten Sprache. Ein Mam und Sir ertönt nach ungefähr jedem Satz und Wort, vor allem nach der Beantwortung einer Frage, was einen äußerst höflichen Eindruck hinterlässt. Der Campingplatz hat außer den saubersten Duschen auch noch Internet und Strom, ein selten gewordener und stark vermisster Luxus, den wir auch gleich mal voll ausnutzen, nachdem wir in erneuter Rekordzeit unser Zelt aufbauen. Noch einige Stunden sitzen wir im Schein der Kerze und des Laptops im Freien an unserem Picknicktisch, bis wir müde auf unsere Isomatten fallen und bis zum nächsten morgen durchschlafen.

Geweckt werden wir von der krassen Hitze, die uns schon früh aus unserer Behausung scheucht und unsere kurze Entdeckungsfahrt durch das kleine Vicksburg einleitet, welches im damaligen Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten der USA, anscheinend eine wichtige Rolle spielte. Damals trug das direkt am Mississippi gelegene Städtchen aufgrund seiner strategischen Bedeutung als Nachschubhafen den Beinamen ‘Gibraltar der Konföderation’. 1863 wurde es insgesamt 47 Tage lang belagert, ehe die Südstaaten-Truppen aufgaben. Der National Military Park am Rande Vicksburgs, an dem wir Geschichtsbanausen während unserer Tour durch die Stadt einfach vorbeifahren, erinnert heute an die 17 000 Gefallenden.
Entgegen unseren Erwartungen ist es hier wirklich hübsch.imageimageimageDie Häuser der bunt bewachsenen Straßen sind, jedes für sich und auf seine eigene Art und Weise, sehr besonders gebaut, geschmückt und verwinkelt. Große Villen lassen den Eindruck von Reichtum aufkommen, viele der Häuser scheinen allerdings zum Verkauf angeboten zu sein. Eine Tatsache, die uns nicht sonderlich verwundert, da das Örtchen wirklich im Nichts gelegen ist. Dafür aber immerhin am Mississippi, mit dessen Verlauf wir anschließend Richtung Süden, in das 1 1/2 Autostunden entfernte Natchez fahren.

Schon am Visitor Center, welches mittlerweile fast schon routinemäßig in jeder neuen Stadt unser erster Anlaufpunkt ist, da es dort kostenlose Karten, Klos, Wasser und wenn man Glück hat sogar Getränke for free gibt, schon in diesem also werden wir darauf hingewiesen, was Natchez doch für ein schönes Städtchen sei, welches wir unbedingt erkunden sollten. So fahren wir also in Greg und mit den verschiedensten Landkarten und Attraktionen-Führern bewaffnet durch den Ort, nachdem wir den kostenlosen Kaffee des Visitor Centers auf die Eiswürfel unserer McDonalds Getränkebecher kippen. Der Iced Kaffee Latte mit Vanille Flavor ist auf dieser Reise beinahe schon zu unserem Stammgetränk geworden und ich als eigentlich seltene McDonalds Gängerin habe an dieser Stelle einen Tipp an diejenigen, denen noch nicht aufgefallen ist, das die angebotenen Getränke bei McCafé unter anderem Namen quasi genau die gleichen sind, die uns Starbucks so völlig überteuert verkauft: McDonalds stellt ebenso kostenloses Internet zur Verfügung und verkauft die braune Plörre im Plastikbecher für oftmals weniger als die Hälfte. Wenn man also auf die Coolness verzichten kann, die einen auf mysteriöse Weise umwabert während man mit seinem Apple-Laptop einen Kaffee mit nur halbem Fettanteil dafür aber mit grünem Aufdruck trinkt, warum sollte man dann überhaupt noch zu Starbucks gehen?!
Natchez ist wahrhaftig ein sau schöner Ort. Durch die Baumwollplantagenbesitzer, die sich mit dem Zeug und ihren zahlreichen Sklaven eine goldenen Nase verdienten und sich hier riesige, wunderschöne Anwesen errichten ließen, steht eine Villa neben der anderen.imageimageimageimageBeinahe jedes Haus hat eine von Säulen umrahmte Veranda, auf der alte Holzlehnstühle im Wind schaukeln. Dazu ist es in Natchez irre grün und bewachsen, allerdings stehen auch hier wieder viele dieser Häuser leer. imageimageimageWir besichtigen noch einige Villen mit ihren umliegenden Grundstücken und noch vorhandenen Ställen und Schuppen und machen uns direkt vor einer, unter einigen in deren Garten riesig gewachsenen Eichen einen monströsen Salat zum Mittag, bevor unsere Reise frisch gestärkt und mit bester Laune fortgesetzt wird.

TENNESSEE

imageWir erreichen Nashville, Tennessee gegen 1 Uhr morgens. Eine Zeit, zu der jegliche öffentliche Verkehrsmittel schon nicht mehr in Betrieb zu sein scheinen, wir müssen uns also erneut ein Taxi nehmen. Nachdem der sehr unsicher wirkende indische Fahrer den Timer bei 7$ startet, läuft dieser fröhlich weiter, während sein Besitzer seelenruhig die Adresse unserer Absteige in sein Navi tippt. Sowieso schon angenervt bin ich kurz davor wieder auszusteigen. Als er fast gegen den nächsten Baum rollt scheint er es nach dem dritten Versuch dann aber doch geschafft zu haben und fährt los. Während er sich selbst noch einmal laut zu erklären scheint wie er jetzt fahren wird. Die Spuren wechselt er ohne die Autos neben uns zu bemerken, fährt durchschnittlich 20mph zu langsam und haut das Gefährt mit einem verwunderten ‘Oh’ zum Abschluss noch einmal kräftig gegen den Bordstein als er uns nach knappen 35$ für eine 10 Meilen Strecke vor unserer Bleibe absetzt.
Unsere Erwartungen an dieses Motel sind ziemlich niedrig, dementsprechend überrascht sind wir also als wir das uns zugewiesene Zimmer betreten welches wir, vorbei an einem Outdoor-Pool, über einen Balkon-mäßigen Korridor erreichen. Es ist sauber, klimatisiert, wir haben sogar 2 größere Betten, einen riesen Fernseher, Tisch und Stühle. Das Bad ist zwar klein aber sauber, hat sogar eine Badewanne und der Vorraum einen riesigen Schminkspiegel mit extra Waschbecken. Es gibt umsonst Fernsehen, Internet und Frühstück von 6 bis 9 Uhr am nächsten Morgen. Unser Budget lässt ein Auslassen dieser kostensparenden Möglichkeit an Essen zu kommen nicht zu, wir sitzen also völlig übermüdet und noch im Halbschlaf pünktlich um 8 Uhr im offenen Nebenraum der Rezeptions-Lobby und genießen das zwar einfache, aber für mich äußerst erfreuliche Frühstück. Heimlich packe ich auch noch ein paar geschmierte Bagels in meine Tasche um unser Mittagessen im Voraus kostenlos zu sichern.
Als wir uns anschließend auf den Weg zur Bushaltestelle machen, die einen kurzen Fußweg vom Motel entfernt liegt und deren Bus uns angeblich innerhalb einer halben Stunde nach Downtown Nashville bringen soll, sind wir beim Erreichen dieser schon so durchgeschwitzt, dass wir überlegen wieder umzudrehen. Es ist unglaublich heiß und die einzige leichte Briese die hier, am südlichen Rand Nachvilles ab und zu weht ist der Fahrwind der vorbeirauschenden Autos mit Tennessee-Kennzeichen. Keiner kann uns sagen wann der Bus überhaupt kommt und als wir herausfinden, dass es wahrscheinlich noch über eine Stunde dauern wird, begeben wir uns klatschnass geschwitzt erst einmal zurück in den Pool des Motels.
Einige Zeit später haben wir es in noch kürzerer und dünnerer Kleidung dann wahrhaftig nach Downtown Nashville geschafft. imageAuf der Hauptstraße der Innenstadt tobt das Leben und mir gefallen die Läden und Bars im Cowboy-Style des Südens sehr. image

imageErst als es später am Tag dunkel wird entfaltet sich Nashville allerdings zu der Musik-Stadt, für die sie Vorurteile zuvor automatisch abstempeln. Bar für Bar reihen sich aneinander, hinter jeder weit geöffneten Tür spielen irgendwelche unbekannten Countrymusiker. Jeder Laden hat hier Live-Musik, Rock, Blues, Country, acoustic oder laut mit Band, deren Zuhörer sich schon gegen 5 Uhr biertrinkend an den Tresen vor den Bühnen einfinden. Unter ihnen zwei Dorfkinder aus dem Nirgendwo in Deutschlands Norden, von denen die Eine beinahe jeden Song bereits aus ihrer Kindheit kennt.

In einem der Restaurants nehmen wir ein leckeres amerikanisches Abendbrot zu uns, während drei Typen mit ihren Gitarren beim Besteigen der winzigen Bühne vor uns damit beginnen, sich selbst auf eine ziemlich selbstüberzeugte Art und Weise anzupreisen. Die Drei nehmen ihre lauten Münder aber nicht zu voll. Sie sind irre gut und lassen uns noch weitere drei Stunden in der Bar des Ladens verweilen, nur, um ihnen zuzuhören. Dann nehmen wir den letzten Bus zurück zu unserem Motel.
Wieder stehen wir am nächsten Morgen viel zu früh auf um pünktlich unser kostenloses Frühstück ausnutzen zu können. Dieses Mal stopfe ich meine komplette Tasche mit übrigem Frühstücksbuffet voll, bevor wir unsere überfüllten Koffer Richtung Rezeption rollen. Wieder muss ein Taxi gerufen werden um am Flughafen rechtzeitig unseren 2. Mietwagen abzuholen. Greg, unser neuer schwarzer kleiner Flitzer, hat nicht nur Partylicht unserer Farbwahl sondern ist uns von Anfang an auch so männlich, dass unser Wüstenauto Jackie sich somit eindeutig als Frau einordnen lässt.
Mit Greg, der in echt Gregory heißt, diesen Namen aber selbst nicht mag, geht es auf Richtung Südwesten, in die 3 Autostunden entfernte Musikstadt Memphis am Mississippi River. Dort angekommen fahren wir zunächst ein wenig umher und uns gefällt die Stadt auf Anhieb sehr gut. Alter Südstaaten Style mischt sich hier perfekt mit der heutigen Moderne. 55% der Bevölkerung Memphis’ ist schwarz. Ein Fakt, auf den mich schon Mutter T. im Voraus aufmerksam macht und diesen mit gerümpfter Nase als Grund aufzählt, warum sie es hier im Süden nicht so mögen würde. Herzliche Grüße an dieser Stelle.
In den fünfziger und sechziger Jahren spielte Memphis in der schwarzen Bürgerrechtsbewegung eine wichtige Rolle, das National Civil Rights Museum im Zentrum der Stadt, wird also unser nächster Anlaufpunkt. Das Lorrain Motel, dem Ort, an dem Martin Luther King Jr. 1968 auf dem Balkon vor seinem Zimmer erschossen wurde, steht bis heute an der selben Stelle. Vor seiner damaligen Zimmertür hängt heute ein Kranz und das Gefühl ist wahnsinnig überwältigend, als wir direkt davor stehen. imageMein Kopf will nicht so wirklich begreifen, dass das Attentat an genau dieser Stelle, vor 45 Jahren verübt wurde. Das Gebäude direkt gegenüber, also jenes, von dessen Fenster der Mörder damals die Kugel abfeuerte, ist ebenfalls erhalten worden und in ihm das Civil Rights Museum eröffnet, welches an Diensttagen geschlossen hat.  Heute ist Dienstag und unser Tagesziel für heute eigentlich das weitere 3 Autostunden entfernte Jackson. Da dies aber so ziemlich die einzige geschichtliche Etappe ist, die mich wirklich interessiert und auch Memphis nur darauf zu warten scheint von uns weiter erkundet zu werden, beschließen wir, die Nacht hier zu verbringen und am nächsten Morgen ins Museum zu gehen um anschließend unsere Tour fortzusetzen.

Wir parken Greg und begeben uns in die Innenstadt. Auf der Beale Road tobt das Leben. image

imageHier scheinen heute alte und historische Autos ausgestellt zu sein und hunderte Menschen laufen begeistert die Straße auf und ab. Die Atmosphäre gefällt mir hier. Sogar noch ein Tickchen besser als in Nashville. Auch hier liegt eine Bar mit Live-Musik neben der anderen. Es scheint aber weniger Country, dafür mehr Blues und Soul gespielt zu werden. Es erscheint echter. Die Menschen nicht ganz so Vegas-aufgestylt und darauf bedacht sich in irgendeiner Absteige möglichst voll laufen zu lassen. Das Gefühl haben wir beide auch immer noch, als wir nach einer längeren Zeit den Garten des Bar-Restaurants pappsatt wieder verlassen, in dem zwei ältere Männer, die anscheinend schon ihr Leben lang miteinander Musik machen, denn sie kommunizieren kein Bisschen auf der Bühne, unter einem kleinen Zelt Blues Songs covern.

Mit Greg geht es im Dunkeln auf Schlafplatzsuche und wir finden einen kleinen Campingplatz am Ende eines State Parks, an dessen relativ sauberem Duschhaus vor giftigen Schlangen gewarnt wird. Darunter ist mit Foto des Tieres aufgelistet, was bei einem Angriff zutun sein und wo sich das nächstgelegene Krankenhaus befinde. Ein äußerst beunruhigendes Gefühl, während wir in unser grünes Zelt krabbeln und bis zum nächsten Morgen immer wieder von den tief über uns hinweg bretternden Flugzeugen geweckt werden.
Durch die Self-Registration gerettet, mussten wir beim gestrigen Erreichen des Campingplatzes noch nichts bezahlen und haben uns deswegen vorgenommen, in aller Herrgottsfrüh auch wieder aufzubrechen. Leider steht der gruselige Opa mit Namensschild und braun/grünem Cap schon beim Aufwachen vor unserem Zelt, zähneknirschend bezahlen wir also für unseren Schlafplatz und machen uns dann auf zum National Civil Rights Museum. Leider ist dieses relativ klein und erfüllt meine gespannten Erwartungen nicht wirklich, interessant ist es aber trotzdem und erneut äußerst überwältigend an genau dem Fenster, mit Blick auf Martin Luther King Jr.’s damaliges Hotelzimmer zu stehen, von dem aus er erschossen wurde. Auch das Zimmer des Mörders, welches er sich hier in jener Nacht unter falschem Namen buchte, ist noch original erhalten.
Eine verrückte Erfahrung, nach der wir Tennessee in Richtung Süden verlassen.

UTAH

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Utah, Bundesstaat Nr.5, erreichen wir erst als die Sonne schon untergegangen ist.Wir sind ziemlich erledigt, finden in dem winzigen Örtchen Monticello, irgendwo im Nirgendwo, aber sehr schnell einen Campingplatz. Obwohl wir das Gewitter anzuziehen scheinen, sehen wir die Blitze wiedereinmal nur in der Ferne und bleiben die Nacht über trocken.
Am nächsten Morgen ergibt die Suche nach einem geeigneten Ort zum Erwerben unseres Frühstücks eine Tankstellen ähnliche, überteuerte Absteige, vor der wir wabbeliges Brot mit Mortadella zu uns nehmen. Eine tägliche Portion Frucht darf allerdings nicht fehlen. Dann geht es zum wahnsinnig faszinierenden Arches Nationalpark. Dieser gefällt mir am besten unter den verrückten Steinformationen beherbergenden Parks die wir auf diesem Roadtrip besuchen. imageMit dem Auto fahren wir einige Stunden durch zerbrechlich erscheinende Steinbrücken und wie durch Menschenhand aufeinandergestapelte Riesenfelsen. Ihre satt orange Farbe lässt das ganze wie aus einer anderen Welt erscheinen und ich komme mit dem Fotografieren gar nicht hinterher.image

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imageDer zweite Nationalpark unserer heutigen Tour ist der Capitol Reef National Park, wo wir erst einmal eine Essenspause einlegen. Zum Abendbrot gibt es - Überraschung - Spaghetti mit Knoblauch und einer Tomate für mich, was sich am Fuße einer orangen Felswand zwischen Rehen und grünen Bäumen wiedereinmal anfühlt wie ein Stückchen HImmel.

Da wir beide nicht wirklich an ewigen Wanderungen durchs Gebirge interessiert sind, klappern wir die auf einer Karte markierten Aussichtspunkte ab, fahren auf einem 20 Meilen langen Scenic Drive durch enge unbefestigte Gassen, riesige Steinwände und finden es auch hier wieder wirklich schön. imageAber auch wenn die wahnsinnigen Weiten, Riesenschluchten und unrealen Steinverformungen nicht aufhören mich zu faszinieren, langsam haben wir genug. Eine Woche zwischen Felsen und Sand, Natur und sauschönen Panoramalandschaften reicht uns um zu begreifen, dass uns ein Tick mehr Zivilisation jetzt ganz gut tun würde. Dazu frage ich mich immer wieder wie die Menschen in diesen Regionen wahrhaftig dort leben können. Weit draußen im Nichts, ewige Stunden schnurgerade Wüstenstraße vom nächsten Ort entfernt, während die einzigen Besucher ab und zu vorbeirauschende und mit Kamera bewaffnete, Touristen bepackte Riesencamper zu sein scheinen. Für mich wäre diese Art zu leben absolut nichts.

So sind wir nach Sonnenuntergang auch wieder gut bedient und lassen uns von Eindrücken gesättigt auf einem Campingplatz im Nationalpark nieder. Duschen hat dieser keine, wie wir erst nach dem Bezahlen der nicht zu umgehenden Gebühr bemerken, dafür hängt gleich am Eingang ein Schild welches die schläfrigen Camper mit den Abwehrmethoden eines Mountain Lion Angriffs vertraut macht. Man solle bloß nicht weglaufen sondern dem angriffslustigen Tier ruhig ins Gesicht gucken. Außerdem sei es einem Wanderer in South Carolina gelungen einen Mountain Lion mit einem Stock zu vertreiben, während dieser gerade dabei war seinen Sohn zu essen. Campingutensilien seien also ebenfalls hilfreich. Beruhigt über das Wissen im Notfall einfach die Stange unseres Vorzeltes als effektive Waffe nutzen zu können, verbringen wir eine weitere Nacht in unserem kleinen grünen Zelt und haben auch die ganze Nacht über gar keine Angst vor Angriffen wilder Berg Löwen. Eine Taschenlampe haben wir immerhin auch noch griffbereit…

Ungeduscht geht es am nächsten Morgen auf in den 3 Autostunden entfernten Bryce Canyon National Park. Meine Recherchen im Voraus ergaben ziemlich tolle Fotos von diesem und wir werden tatsächlich nicht enttäuscht als sich vor uns eine weitere wahnsinnige Berglandschaft offenbart. Bizarre Felssäulen und Steinnadeln ragen in einem lachsfarbenen Orange in die Höhe.image

imageWir schießen noch ein paar peinliche Tourifotos , währenddessen mir wieder einmal bewusst wird wie wahnsinnig unangenehm mir diese Art von Foto ist. Und das noch am meisten, wenn ich selber darauf zu sehen bin. Im Nachhinein bin ich dann aber doch ganz schön stolz auf die dort aufgenommenen Fotos mit meinem Heiligtum. Und das meine ich ganz ernst. Mein eigens erstellter Notfallplan während eines Erdbebens in einer Nacht San Franciscos war mir immer ganz klar: Ich greife meinen Pass, meine externe Festplatte, auf der quasi mein Leben in Bildern abgespeichert ist, und meine Kamera und mache mich mit Gulasch auf den Weg zur Golden Gate Bridge.

Ein Erdbeben ist in dieser Wüstenregion der USA denke ich nicht allzu wahrscheinlich, dafür sehen wir auf dem Weg duch die Wüste so viele große Windhosen in der Ferne ihre Wege durch die trockene Landschaft ziehen, dass das Erspähen jeder Weiteren fast schon langweilig geworden ist.
Mit dem Bryce Canyon steht unser Tagesziel, der weitere zwei Autostunden entfernte Zion National Park an. imageWieder kommen wir zur Abendbrotzeit an und so bauen wir unter einem dicken Baum erst einmal unseren Kocher auf um wenig später Nudeln mit Knoblauch und -Achtung- Gemüse auf unserer Tischdecke im Kerzenschein zu genießen. Das warme Essen tut jedes Mal aufs Neue so unglaublich gut und wir machen uns frisch gestärkt auf die Suche nach einem Schlafplatz. Leider sind ausgerechnet in dieser Nacht beinahe alle Campingplätze ausgebucht und das Zelten außerhalb dieser ist überall ausdrücklich verboten, uns bleibt also nur der ‘RV Quality Inn’, auf welchem wir Internet und Duschen haben, davon allerdings nur eine, die auf 6 Minuten beschränkt ist, einen sandigen Steinboden, in dem wir das Befestigen der Heringe sofort vergessen können und uns mit ihrem Lagerfeuer komplett einräuchernde Nachbarn. Das ganze für knappe 34$ die Nacht bringt uns doch kurzzeitig dicht an unsere Kotzgrenzen.


Nach einer kurzen Nacht, in der der Wind uns das unbefestigte Zelt direkt ins Gesicht pustet und darunter begräbt, machen wir uns daran, unser Gepäck Flugzeug-würdig zu verstauen. Am heutigen Sonntag Abend geht von Vegas aus unser Flug nach Nashville. Nach dem erfolgreichen Verstauen aller Habseeligkeiten fahren wir also zunächst zurück in die bunt überbelebte Wüstenstadt um dort zuerst Jackie abzugeben und dann eine ganze Weile am Flughafen abzusitzen. Ich glaube ich hatte bereits erwähnt, dass wir Gewitter anziehen - auf Grund von plötzlichem Unwetter werden eine Menge Flüge verlegt. Unserer ebenfalls. Und so lassen wir die Wüste nach über einer Woche tief unter uns, als wir mit einer Stunde Verspätung Richtung Tennessee abheben. Eine weitere Etappe unseres Trips, auf den ich mich glaube ich am meisten freue.image

COLORADO

imageAuf dem Weg zu Bundesstaat Nr. 4 unserer Reise, Colorado, entdecken wir mitten im Nichts verrückt erscheinende Häuser. Als wir näher kommen lässt sich erkennen, dass es sich bei diesen Bauten um Earthship handelt. Gebäude, die aus recycelbaren Materialien errichtet wurden und anscheinend in der Lage sind, sich mit Hilfe der Natur größtenteils selbständig zu versorgen. Einige dieser Häuser sind hier noch im Bau und lassen sich, zumindest von außen, von uns neugierigen Deutschen besichtigen.image

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imageDurch Colorado fahren wir lediglich hindurch. Erstaunlich ist aber zu beobachten, dass sich die Wüstenlandschaft New Mexicos bereits kurz hinter der Staatsgrenze zu dem Naturbild verformt, welches wir, und wahrscheinlich auch der Rest der Welt, von Colorado erwartet und sich vorstellt. image

imageÄußerst schön ist es und wir bereuen es fast ein wenig, nicht länger hier bleiben zu können. Doch Utah ruft.

NEW MEXICO

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Die Nacht ist schneller beendet als wir es uns erhofft hatten und so brechen wir so schnell wir können, nach einer eiskalten 2,50$-Dusche aus einem Gummischlauch, auf. Der 3. Bundesstaat unserer Reise, New Mexico, steht an und wir erreichen nach einer über vierstündigen Autofahrt die größte Stadt, Albuquerque. Nach Tagen in der Wildnis und ohne Internet, ohne Strom, geiles Essen und Blogschreiben, ist es herrlich mal wieder in die Zivilisation zurückzukehren. Wie durch eine höhere Macht geleitet nehmen wir irgendeine x-beliebige Ausfahrt und dann irgendeine Straße, bis wir irgendwo parken und direkt um die Ecke in einem Burgerladen einen sau leckeren Burger unter 10$ bekommen. Dazu Internet und Steckdosen. Das Leben kann ziemlich geil sein.
Direkt um die Ecke finden wir anschließend noch einen Starbucks, in dem ich knappe 3 Stunden damit verbringe den Blog mit meinen niedergeschriebenen Hawaii-Einträgen zu füllen. Der Kellner ist wahnsinnig lieb. Schenkt uns sogar noch einen Kaffee und bietet Eiswasser zur Weiterfahrt an.
Unser Tagesziel für den heutigen Abend ist das kleine Städtchen Santa Fe. Völlig übermüdet und fertig müssen wir noch irgendwie einen Schlafplatz organisieren während im Gebirge um uns herum schon wieder grelle Blitze zu erkennen sind. Die Scheinwerfer stelle ich aus als wir leise auf einen Starbucks Parkplatz rollen um uns hier, möglichst nah am Gebäude, heimlich in ihr Internet zu wählen. Wir suchen uns den nächstgelegenen Campingplatz heraus und nehmen das Risiko in Kauf, bei dem kleinsten Anzeichen von Regen den Schlafplatz in unserem Mietwagen einzunehmen.
Erneut wie von einer höheren Macht begleitet, bleibt es nicht nur trocken, die auserwählte Bleibe hat neben sauberen Duschen und Internetzugang auch noch geschlossen. Das Büro am Eingang würde erst um 8 Uhr morgens wieder besetzt sein, man solle die 2ß$ einfach in einen Briefumschlag stecken und dann dort abgeben. ‘Enjoy your stay!’ steht weiter auf dem Schild am Eingang und da wir beide damals, auf dem Boden des Zuges Richtung Heimat vom Hunger getrieben einen ganzen Eimer Chicken Wings von Kentucky Fried CHicken mit Genuss verspeisten, daher also sowieso in die Hölle kommen, beschließen wir, uns am nächsten morgen einfach vor 8 wieder auf den Weg zu machen - und die 20$ in Sprit zu investieren.
Über 1000 Meilen haben wir schon hinter uns gelegt als wir am nächsten Morgen in Santa Fe’s Innenstadt fahren, die uns mein fettes 'Traumstraßen USA' - Buch, welches mir als Basis bei der Planung unseres Trips diente, wärmstens empfiehlt und mich auch im Nachhinein wirklich begeistert. imageDie Hochhäuser und Leuchtreklamen einer jeden größeren amerikanischen Stadt gibt es in der Hauptstadt New Mexicos nicht. Im erdbraunen Adobe-Stil scheinen die Häuser hier ohne spitze Kanten aus einer Masse geformt zu sein - ich erwähne dies hauptsächlich mit gehobenem Zeigefinger und Augenbrauen für meinen alten Vati, der es hier mit Sicherheit ziemlich cool finden würde! Selbst die Tankstellen und Filialen der großen Imbissketten müssen hier auf ihre Standardfassaden verzichten. image

imageWir wandern ein paar Stunden durch die irre heiße und doch wirklich schöne Innenstadt, bevor wir es uns wieder in Jackie gemütlich machen. Nach einem Stopp am Taos Pueblo, am Fuße der Sangre de Christo Mountains, welches zu den bekanntesten und sehenswertesten Indianerdörfern im Südwesten der USA zählt, das Eintrittsgeld uns aber leider unangenehm abschreckt, machen wir uns auf zu unserem knappe 8 Autostunden entfernten Tagesziel. Monticello in Utah.


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